Einführung in das Werk

Auch wenn sie noch so verschieden aussehen, alle Arbeiten von Sieglinde Gros bestehen aus Holz: aus unterschiedlichen Hölzern zwar, helleren und dunkleren, härteren und weicheren, Hölzern mit natürlicher Farbänderung und solchen, die im Anschluss an ihre Bearbeitung in verschiedenen Farben und Pigmenten lasiert werden.  Sie ist auf keine bestimmte Holzart fixiert, nimmt das was sie bekommen kann und hat dennoch ihre Vorlieben, wie etwa das harte, knorrige Eichenholz, das ihr bei der Bearbeitung massiven Widerstand bietet und dieser Widerstand ist an den Skulpturen ablesbar, er ist förmlich spürbar. Sieglinde Gros arbeitet mit Leidenschaft gegen die ureigene Kraft des Materials an, dessen Dichte und Sperrigkeit sich auch dem Blick des Betrachters nicht entziehen kann. Das geschieht mit den traditionellen Werkzeugen des Holzbildhauers wie auch mit der elektrischen Kettensäge.

Sieglinde Gros bleibt in ihren Arbeiten durchwegs auf den Menschen bezogen. Auch wenn die Stelen noch so abstrakt erscheinen, das Terrain der völligen Abstraktion hat die Künstlerin nie betreten. Mit minimalistischen Eingriffen wird stets eine anthropomorphe Gliederung angestrebt. Dabei variieren die Bearbeitungstechniken von einer stark reduzierten Gegenständlichkeit zu einer deutlich herausgearbeiteten individuellen Physiognomie in den aktuellen Porträts. Nie hat man bei Sieglinde Gros den Eindruck, dass sie versucht die Materie zu bezwingen, indem sie ihre spezifischen Eigenschaften völlig negiert. Harte Konturen, schartige Kanten oder integrierte Holzsplisse kennzeichnen ihre Arbeiten. Primär lässt sie sich vom Holz leiten, von seinem Wuchs, seiner strukturellen Besonderheit und erst im Arbeitsprozess wird das ungefähre Motiv zum schlüssigen Konzept.

Unter Verzicht auf  das reale Körpervolumen wird die menschliche Gestalt stark vertikalisiert, als Stele aufgefasst, in die die menschlichen Proportionen verdichtet werden. Die Bildhauerin hat dabei ganz eigene Vorstellungen über die Proportionen des Menschen. Die Köpfe sind oft ziemlich klein, die Beine dagegen stark überlängt, alle Gliedmaßen schmal, fast ausgezehrt.  Die abstrahierte Figur verliert dabei nie an Ausdruck, im Gegenteil, es  ist, als ob erst die Übersteigerung der Proportionen ihr Ausdrucksstärke verleiht.

Die immer wieder neu zu ergründende Dimensionierung des Menschen scheint für Sieglinde Gros ein besonderer Reiz zu sein.

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Sieglinde Gros nimmt ihr Arbeitsmaterial so an wie sie es bekommt, Rundhölzer, Bretter oder Eichenbalken eines alten Fachwerkhauses, wie in der Arbeit mit dem Titel Einzelgänger. Spuren von ehemaligen Verzapfungen blieben hier  erhalten und lassen den Betrachter kurz über die Bedeutung der Kerbe rätseln. Diese Arbeit zeigt 4 Personen, die in räumlichen Abstand voneinander auf einer gemeinsamen Platte positioniert sind. Jede dieser Figuren hat einen eigenen Sockel, eine deutliche Abgrenzung gegenüber den übrigen. Sie sind einander nicht zugewandt, blicken in unterschiedliche Richtungen und treten auch gestisch nicht miteinander in Kontakt. Isolation, Entfremdung, Einsamkeit oder Für sich sein gibt es auch hier und doch sind sie in geringem Abstand platziert, haben die Möglichkeit sich einander zuzuwenden, körperlich, verbal und visuell miteinander in Kontakt zu treten.

Bei der Arbeit mit dem Titel Zaungäste spielte weniger der Wuchs des Baumes eine Rolle für das Motiv, sondern die tatsächlich vorhandenen Zaungäste anlässlich eines Bildhauersymposions im Freien. Wie genau Sieglinde Gros dieses betrachtende Verweilen ins Holz übersetzt, den unterschiedlichen Haltungen nachspürt, können Sie an der Figurengruppe sehen: ein Genießender, einer mit kritisch oder nachdenklich zurückgelehntem Kopf, einer, der einfach neugierig abwartet und einer, der sich anlehnt oder ausruht. Das Spiel mit dem umgebenden Raum, sein Einschluss zwischen den staksigen Beinen, seine Verdichtung zwischen der Dreiergruppe oder das Herausschälen dieser Gestalten aus einem Stamm, all das erschließt sich einem erst beim Umschreiten der Skulptur. Obwohl die Bearbeitung in punkto realitätsgetreuer Wiedergabe, verglichen etwa mit den spätgotischen Skulpturen eines Veit Stoß oder Tilman Riemenschneider, ganz andere Wege geht, lassen diese Figuren in ihrer Verknappung wesentliche Eigenschaften dieser zufälligen Gäste sinnfällig werden.

Ähnliches ist bei der Arbeit Standpunkte zu beobachten, die in der Mitte einen Vierkantpfeiler zeigt, der zwei aneinander gelehnte Personen, die in eine Richtung blicken von einer alleine stehenden Person trennt, die in eine ganz andere Richtung blickt. Wie könnte man besser die unsichtbare Barriere darstellen, die diese Figuren trennt. Rücken an Rücken lehnen sie am gleichen Pfeiler und sind doch voneinander abgewandt. Vielleicht sind hier Teammenschen und Einzelkämpfer visualisiert, eine in vielen Berufen anzutreffende Typologie.     

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Ganz im Bilde sind die Porträts fiktiver Personen. Das Mädchen aus Zwetschgenholz besticht durch seinen eindringlichen Blick.  Ein entschlossener Charakter spricht aus diesem ausdrucksstarken Gesicht, dessen Plastizität aufgrund der naturgegebenen Zweifarbigkeit des Holzes verstärkt wird. Sieglinde Gros nahm bewusst die Diagonalrisse des Holzes auf – im Gesicht tritt die Strenge zugunsten einer Spur von Traurigkeit/ Melancholie zurück, die Haare geraten am Hinterkopf richtiggehend in Bewegung.

Der geneigte Männerkopf, ein kahlköpfiger Mann mittleren Alters scheint zuzuhören, vielleicht denkt er auch nach. Die extrem großen Ohren und die Augen, die kaum in das schmale, lange Gesicht passen und fast bis in die Schläfen reichen, lässt eine sinnlich wahrnehmende, beobachtende Natur denken. Doch eindeutige Lesbarkeit ist schwer, die Komplexität des Individuums in einer einheitlichen Visualisierung darzustellen noch schwerer. Doch es gelingt ihr auch solche Brüche darzustellen, wie in dem Porträt einer jungen Frau, das sehr androgyne Züge aufweist und deren Charakter sich von den beiden Seiten her ganz unterschiedlich bemisst.

Selbst wenn die Porträts von Sieglinde Gros stärker bearbeitete Gesichtsphysiognomien zeigen, Furchen , Spalten und grobe Kerben gibt es auch hier, von einer radikalen Glättung der Oberflächen ist sie weit entfernt. 

In Zeiten verschwindender Realitäten, von digitalen Ersatzwelten und unkontrollierbarer Bilderfluten beharrt Sieglinde Gros auf einem Menschenbild der flüchtigen Momente, der kleinen Gesten, der Brüche   – und das, wie die Ausstellung zeigt, mit Berechtigung. Statt eskapistischer Visionen vom Verschwinden des Körpers im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit setzt Sieglinde Gros stoisch auf das Gefüge von Kernvolumen und räumlicher Durchdringung. Sieglinde Gros Gestalten sind allesamt aus Holz, sie wirken aber trotz aller Reduktion nie hölzern, sie haben eine Vitalität, die uns unser Gegenüber wieder mit wacherem Auge wahrnehmen lassen, denn „Kunst ist nur ein Mittel zu sehen“ (Alberto Giacometti).

Andrea Suppmann, Kunsthistorikerin 

Mai 2009

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