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Künstlerportrait im Magazin My Odenwald
Die Sprache der Bäume
Sieglinde Gros verleiht ihren Holzskulpturen emotionale Tiefe und Ausdruckskraft. Ihre Werke, die in ihrem Atelier in Michelstadt entstehen, zeigen Menschen und Beziehungen auf ganz besondere Weise und laden zum Innehalten ein.
Es ist nicht nur, aber vor allem der zweite Blick. Feine Strukturen ziehen sich am Holz entlang, ausdrucksvolle Gesichtszüge regen den Betrachter zum Nachdenken an. Es geht um Beziehung, Erdung, ein gemeinsames Fundament und das Zwischenmenschliche. Es ist das Emotionale und das Symbolische, das die Werke von Sieglinde Gros ausmacht. Die Künstlerin aus dem Odenwald ist aus der Welt der Holzbildhauerei nicht mehr wegzudenken. In der Szene gilt sie als die Frau, die Baumstämmen mit der Kettensäge ein neues Leben schenkt. Im Mittelpunkt steht dabei der Mensch. Ihre Figuren wirken erst unnahbar, etwas distanziert, um schließlich auf einer ganz persönlichen Ebene zu kommunizieren. Ohne Worte.
Der Ort ist wie geschaffen für die Arbeit der 1963 in Darmstadt geborenen Sieglinde Gros. Inmitten historischer Gebäude, im Stadtkern von Michelstadt, befindet sich das Atelier, in dem die Skulpturen Form und Gestalt annehmen. Eine unscheinbare Holzbank samt Tisch ist die Ideenschmiede. Hier werde kleine Figuren aus Ton geknetet, die später im hinteren Bereich Modell stehen für die Werke, die eine einzigartige Sprache sprechen. Aus heimischen Baumarten werden Skulpturen von einzelnen Menschen, aber auch ganzen Ansammlungen. Wenn Sieglinde Gros die Motorsäge ansetzt, überrascht sie sich selbst immer wieder aufs Neue. Denn schon beim Blick auf den von ihr ausgewählten Stamm erkennt sie die Struktur und die Figuren, die sich daraus ergeben können. Doch der Weg zur fertigen Skulptur ist nie festgelegt.
Die Kraft der Säge steht zunächst im Widerspruch zu den feinen Strukturen, doch Sieglinde Gros erklärt, wie es dazu kommt. Sie sprudelt schier über, wenn sie über ihre Arbeit spricht, der Enthusiasmus der sympathischen Künstlerin ist ansteckend. Ursprünglich als ausgebildete Holzbildhauerin tätig, entdeckt sie später die Motorsäge für sich. Zuerst werden grobe Markierungen gesetzt, um einen Überblick zu bekommen. „Dann fange ich an mit der Kettensäge, säge größere Stücke heraus und modelliere mit dem Schwert. Bei den meisten Figuren arbeite ich auch mit dem Stemmeisen, wenn ich zum Beispiel das Gesicht ausgestalten möchte. Da geht es dann um feinere Details oder um Stellen, an die ich mit der Kettensäge nicht hinkomme.“ Sie spricht vom „Spiel mit dem Werkzeug“, das sie schon viele Jahre begleitet und heute ihr Markenzeichen ist. Dabei ist der Odenwald zwar ihre Basis, ihre Arbeiten haben Ländergrenzen jedoch längst überschritten. Vom Danner-Preis der Meisterschule München über ein Arbeitsstipendium der Hessischen Kulturstiftung bis hin zu ihrer jüngsten Auszeichnung, dem Georg-Christoph-Lichtenberg-Preis; Sieglinde Gros steht für einen ganz eigenen Stil. Entsprechend viele Galerien und Museen laden sie zu Ausstellungen ein, wie die art-Karlsruhe oder zuletzt ihre große Einzelausstellung in Dieburg mit dem Titel „Zwiesprachen“.
Mittlerweile verwendet sie auch Farbe, um die Skulpturen und das Holz komplett oder auch partiell zu fassen. „Das verfremdet das Holz ein wenig, wodurch die Schönheit des Materials in den Hintergrund tritt und die Gestaltung und der Ausdruck stärker betont werden. So kann ich meine menschlichen Figuren nicht so menschlich erscheinen lassen. Dadurch werden sie auf eine andere Realitätsebene gehoben und erscheinen ihrem Gegenüber nicht mehr aus Fleisch und Blut, sondern wirken fremdartiger.“ Vieles ergibt sich erst im Zuge der Arbeit. Da wird Farbe abgetragen, mehrere Schichten werden übereinandergelegt und die dabei entstehende lebendige Patina wird teils so lange gerieben, bis an einzelnen Stellen das Holz wieder durchscheint. Doch manchmal ist ihr die Skulptur nicht genug, dann unternimmt sie einen Ausflug in die Welt der Reliefs. Kleiner und feiner sind sie, aber an Ausdruckskraft ebenso gewaltig wie ihre großen Pendants.
Ihre Skulpturen sind zumeist freie Arbeiten, ihre Ideen sammelt sie unterwegs. „Ich schaue mir Menschen und Situationen an, mache Fotos oder sammle Pressefotografien, in denen Szenen und Momente festgehalten sind. Gefällt mir etwas besonders gut, dann mache ich mir Skizzen oder einfache Bleistiftkritzeleien.“ Am Ende mündet dies oft in den kleinen, dreidimensionalen Tonfiguren. Wie lange sie an einem Werk arbeitet, kann sie nicht sagen. „Es braucht so lange, bis ich zufrieden bin. Ich zähle keine Stunden und nehme mir einfach die Zeit, die es benötigt. Im Prozess selbst spüre ich dann, wann es passt.“
Ist die Skulptur fertig, steht sie zunächst im Ausstellungsraum. Die Künstlerin läuft ständig vorbei und schaut aus der Ferne, wie das Werk auf sie wirkt. „Wenn sie der Betrachtung standhält und ich dabei ein gutes Gefühl habe, dann weiß ich, dass ich sie nicht besser machen kann.“ Das Gegenteil wäre dann „totarbeiten“, wie sie es bezeichnet. „Das ist auch schon passiert. Dann habe ich kräftig reingesägt und an den entsprechenden Stellen neu aufgebaut.“
Es ist ein lebendiger Prozess. Ihr Antrieb ist es, die Menschen zum Innehalten und Hinschauen zu animieren, „sich mal Ruhe und Zeit nehmen“ und durchaus auch die eigene Phantasie spielen zu lassen. Also nicht nur konsumieren, sondern sich nach dem ersten Blick auch auf den zweiten freuen, der bei den Werken von Sieglinde Gros zwangsläufig dazugehört. Ihre Werke sind ein Abbild des Menschen. Die Wurzeln der Bäume, aus denen das Holz stammt, stehen als Sinnbild für die Verbundenheit mit dem Ursprung der Natur und sind eine Metapher für Entwicklung und Wachstum im Laufe des Lebens. Somit sind ihre Werke eine Hommage an die Weisheit der Bäume, die der menschliche Verstand nur zu einem Bruchteil erfassen kann. Durch die Sprache der Bäume lädt sie den Betrachter dazu ein, sich bewusst mit dem Hier und Jetzt auseinanderzusetzen. Entsprechend ziehen die Skulpturen in den Bann. Die raue und manchmal grob erscheinende Oberfläche wirkt zunächst unnahbar, doch animiert sie schließlich zum Berühren und führt so zu einer Verbindung zwischen Werk und Betrachter. Und das mit einer klaren Bildsprache. Die Titel der Werke sind entsprechend gewählt: „Geduldsfaden“, „Zu Viert“ oder auch „Kopfgeburten“ sind der Türöffner für die eigene Interpretation. Oder vielmehr Sieglinde Gros´ Schlüssel für eine ganz eigene Poesie, die ihren Werken zugrunde liegt.
Sandro Furlan

Atelierbesuch - Ein Beitrag im ARTIMA-Kunstblog
Veröffentlichung im BARNUM The international photographic review
Sieglinde Gros - A sculptor that leaves her mark
Photographs and words by Massimo Pacifico
https://www.barnum-review.com/portfolio/sieglinde-gros-2/
Auch für die Objekte von Sieglinde Gros muß man sich Zeit nehmen, um alle Schönheiten und Strukturen zu entdecken – und diese Zeit lohnt sich. Auch sie beschäftigt sich mit dem Menschen in unserer Zeit, ihre Skulpturen „Verbundenheit“, „Ausschau“ oder „Taumel“ präsentieren den Einzelnen in seiner Einsamkeit, zeigen aber auch Gruppen in ihrem Mit- und Gegeneinander, verraten mit ihrer Oberflächenstruktur, welche Werkzeuge an Eiche, Buche, Kiefer oder Lärche gearbeitet haben - ein wichtiges Element der Skulpturen, die eine verblüffende Wirkung erzeugen: Eleganz und Kraft strahlen sie aus, auch wenn sie manchmal fast ausgezehrt wirken und Verletzungen andeuten, wie sie für den modernen Menschen so typisch sind. An Giacometti erinnern manche Werke mit ihrer schmalen Silhouette, der „Artist“ weckt Assoziationen an Mattheuers Jahrhundertschritt – und dennoch hat die gebürtige Darmstädterin einen eigenen Stil gefunden. Wer sie je in ihrer Werkstatt im alten Amtshaus der Kellerei Michelstadt besucht hat, weiß, wie sie arbeitet, und wird ihre Handschrift immer wiedererkennen. Manchmal wirkt das Holz so hart, so widerstandsfähig, dass der Schritt hin zum Eisenguß nur folgerichtig war, sichtbar an den „Kleinen Augenblicken“ in Amorbach, Güsse mit einer Auflage von je sieben Exemplaren.
Die Auseinandersetzung mit moderner Kunst verlangt ein bisschen Anstrengung, verlangt Zeit und die Bereitschaft sich auf Neues einzulassen. Die Ausstellung in Amorbach bietet dazu eine gute Gelegenheit.
Heinz Linduschka
Sendung vom 29. November 2003
Kleine Augenblicke in Holz - Kunst mit der Kettensäge
Zierlich, die kleine Frau, die mit der Kettensäge Skulpturen in hölzerne Rohlinge schnitzt. Sie sagt, sie brauche den Widerstand, den ihr das harte Material entgegensetzt. Sie sagt, das Unberechenbare ist ihr wichtig. Mit der Kettensäge vermag sie expressiven Lebenslinien in die Leiber ihrer Figuren zu setzen. Sie sagt, sie möchte keine Figuren erarbeiten, die glatt und oberflächlich sind und dadurch austauschbar wären. Ihr Anliegen ist es, flüchtige Momente festzuhalten, ihnen eine gewisse Intensität und Dauerhaftigkeit zu verleihen, die sie sonst nicht haben, weil man im alltäglichen Leben unbemerkt darüber hinwegguckt.
Die Bildhauerin Sieglinde Gros lässt den Augenblick gefrieren. Bannt mit der Kettensäge flüchtige Alltagsmomente ins spröde Holz. Ihre Figuren - aus Eiche, Obsthölzern, Lärche - sind anmutig, archaisch, tragen Spuren vom lebendigen Prozess ihrer Arbeit. Nicht unberührbar sollen ihre Statuen sein, nicht nur zum Anschauen, auch zum Anfassen sie da.
Zuerst der Blick
Zuerst ist es ihr Blick, der den hölzernen Rohling zum figürlichen Objekt entkleidet. Ob zierliche Scheite oder schwere Baumstämme - Sieglinde Gros nimmt beim Bearbeiten die Formen auf, die dem Holz schon innewohnen. Am Tonmodell skizziert sie ihre Idee von der Skulptur. So weiß sie um jeden Schnitt, den sie setzen muss.
Mitunter lässt sie sich von Gebrauchshölzern inspirieren. Nimmt Stickscheite aus einem Abrißhaus, gruppiert sie zu skurrilen Plastiken. Zu einer Gruppe von Menschen, vernetzten Hochhäusern, vereinzelten Figuren.
Im Odenwälder Michelstadt, im alten Amtshaus der Kellerei, liegt ihr Atelier mit ständiger Ausstellung, das zugleich Werkstatt ist. Dort arbeitet Sieglinde Gros - die studierte Bildhauerin ist - auch mit traditionellem Bildhauerwerkzeug.
Simone Jung
Blickten sie noch vor zwei Monaten von Kunst Schaefer aus in die Fußgängerzone, so atmen die stelenhaften Einzelgänger von Sieglinde Gros nun Inselluft auf der Rettbergsaue.
Scharf geschnittene Gesichter, die in Gros` NACHTFAHRTEN einen zwiespältigen Eindruck hinterlassen- Gefährten und solipsistische Wesen nächtlicher Begegnung- im Entrée der Scheune, die im Sommer ein Hort der Kunst ist.
Gesichter voller Empfindsamkeit, mit dem Beitel in Tableaus aus Holz gefurcht und mit Pigment konturiert, streifen den Betrachter. Fenster, gleich eines vorbeifahrendes Zuges, öffnen sich für einen kleinen Augenblick in die Nacht. Kindhaft, weil genial einfach im Strich, verdichtet die Künstlerin Gestalt und Ausdruck. Ohne ihr Material irgend zu zwingen, arbeitet sie auch aus Stickscheiten, ehemaligen Verbindungsträgern eines Fachwerkhauses, Menschliches heraus. Verkantete Figuren, die auch in der Gruppe ihre Individualität wahren.
Andrea Springer
Sieglinde Gros setzt dagegen- kontrastierend kompromisslos in ihren geraden Linienführung- die Selbstbeschränkung auf das, was das Fundholz in sich birgt, um es zu bergen. Sich vom Holz leiten lassend, arbeitet sich Gros bis zu den stelenhaften Einzelgängern in den Stickscheiten hervor. Als ehemalige Verbindungsträger des Fachwerks eines 300 Jahre alten Hauses tragen sie schon die Spuren menschlicher Existenz in sich. Nichts zwingend, nähert die Bildhauerin sich gern auch gegen den Widerstand solch spröden Materials, wie der Eiche, und entdeckt die neue Daseinsform darin.
Das Vorgefundene und das im Werkstoff Erkannte verbinden sich in den Skulpturen zu wunderbarer Synthese. Geist und Form fallen sinnreich in eins, wie bei dem PUBLIKUM. So individualistisch eigenständig die Figuren auch im Raum stehen, so verbindet sie doch ihr Blick.
Woher die Skulptur stammt, lässt sich zu ihren Füßen ablesen. Die wachsen nämlich aus einem Holzblock heraus. Zwischen den Füßen quillt das Holz in Schichten heraus, es wirkt wie dünne, aufeinandergelegte Schieferplatten. Das gleiche Motiv wächst aus dem Schritt der nackten Frau nach unten, sei es ein überdimensioniertes weibliches Geschlecht, sei es ein Faltenwurf auf dem sonst nackten Körper.
Die Assoziationen sind frei, sagt Sieglinde Gros. Ihre Figur, der sie mit grauer Lasur ein wenig Patina verlieh, wirkt streng, ohne jede Schnörkel, geradezu verschlossen. Den Zugang müssen sich die Betrachter erarbeiten. Vielleicht fällt die besonders tief eingegrabene Spalte des Hinterteils auf, die ablesen lässt, dass dieser Körper so einiges erlebt hat. Vielleicht sind es auch die so wunderbar aus dem Holzblock hervor wachsenden Füße, die den Blick inniger werden lassen. Da tun sich plötzlich Risse auf im leicht vorgewölbten Bauch, tiefe Spuren, die die Kettensäge zwischen den Brüsten hinterließ. Der Blick wird wach für Glattes und Ungehobeltes, für Spuren der künstlerischen Arbeit und Spuren, die das Holz selbst mitbrachte. Die Augen wandern höher und bleiben hängen am überlangen Hals, an dem verschlossenen Gesicht, das asketisch wirkt, schmerzlich ein wenig, stolz auch und in seiner überindividuellen Form viel weniger preisgibt als der übrige Körper. Auf dem Kopf trägt die TRÄGERIN ihre Last, die sich wieder zum Baumstamm schließt.
Susanne Schmidt-Lüer




